Pressemitteilung zu den Angriffen in Berlin 2016

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Pressemitteilung

Extrem rechte, rassistische und antisemitische Gewalttaten finden in Berlin täglich statt. 2016 werden mindestens 553 Menschen verletzt und bedroht. Die Angriffszahlen steigen weiter und erreichen ein erschreckendes Niveau. Rassismus ist wieder das häufigste Motiv.

ReachOut, die Berliner Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, verzeichnet 380 Angriffe für das Jahr 2016. Das ist ein Anstieg von fast 20% der Gewalttaten und massiven Bedrohungen im Vergleich zu 2015. Rassismus steht als Tatmotiv im Vordergrund. Im Umfeld von Geflüchtetenunterkünften erfuhren wir von 41 Angriffen.

Berlin, 16. März 2017
Insgesamt erfasst ReachOut 380 Angriffe für das Jahr 2016 (2015: 320). Dabei werden mindestens 553 (2015: 412) Menschen verletzt, gejagt und massiv bedroht. Darunter sind 45 Kinder. Rassismus steigt weiter an und ist mit 233 Taten mit Abstand das häufigste Motiv (2015: 175). Die LGBTI-feindlichen Angriffe sind mit 70 Taten (2015: 43) ebenfalls gestiegen. Politische Gegner_innen werden 32 Mal (2015: 59) attackiert.

Die LGBTI-feindlichen Angriffe geschehen meistens nachts, hauptsächlich in Kreuzberg, Neukölln und Mitte und Tiergarten. Dabei handelt es sich um innerstädtische Bezirke, in denen es Treffpunkte und Partymöglichkeiten gibt und die Betroffenen davon ausgehen, dass sie sich frei bewegen können.

Im Bezirk Mitte (mit den Stadtteilen Mitte: 27, Tiergarten: 27 und Wedding: 14) finden insgesamt 68 (2015: 60) und somit stadtweit die meisten Angriffe statt. Dort sind 33 der Gewalttaten rassistisch motiviert. In Neukölln verzeichnet ReachOut 38 Angriffe, darunter massive Einschüchterungsversuche und Bedrohungen gegen Personen, die sich gegen Rechtsextremismus und für Geflüchtete engagieren.

Weitere Angriffsschwerpunkte liegen in Marzahn (32), Kreuzberg (24) und Lichtenberg (20).

Der größte Teil der Angriffe findet im öffentlichen Raum statt: 135 Angriffe (2015: 120) werden auf Straßen und Plätzen verübt. An Haltestellen, Bahnhöfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln geschehen 87 Gewalttaten und Bedrohungen (2015: 65).

Eine Zunahme mit 38 Taten (2015: 16) ist im unmittelbaren Wohnumfeld zu verzeichnen. Diese Form der Angriffe ist für die Betroffenen besonders bedrohlich, weil ihnen ihre sicheren und vertrauten Rückzugsmöglichkeiten genommen werden. Sie können diese Orte nicht vermeiden und werden täglich mit dem Geschehenen konfrontiert. Somit ist die psychische Verarbeitung um so schwerer. Vor allem betroffen von Angriffen im Wohnumfeld sind Opfer von Rassismus und Personen, die als politische Gegner_innen ausgespäht und deren Wohnadressen in den Fokus von Neonazis geraten. Allein in Neukölln fanden 13 dieser Attacken statt.

Zum Beispiel:
Am 23. Dezember 2016 wird in Neukölln gegen Abend das Fenster einer Wohnung, in der sich zwei Erwachsene und zwei Kinder aufhalten, von Neonazis mit einer mit Teerfarbe gefüllten Flasche eingeworfen. Es wird niemand verletzt. Der Anschlag gilt einem Antifaschisten.

Am 12. Dezember wird gegen 3.15 Uhr das Fenster einer Wohnung im Schillerkiez durch unbekannte Täter_innen eingeworfen und ein Glas mit Farbe in die Wohnung geworfen. In dieser Nacht finden mehrere koordinierte Aktionen der sogenannten „Freien Kräfte Neukölln“ auf politische Gegner_innen statt.

„Dass in Neukölln Antifaschist_innen, deren Treffpunkte und Wohnungen ausgespäht und angegriffen werden, kam in den vergangen Jahren immer wieder vor. Erinnert sei an die wiederholten Angriffe auf das Anton-Schmaus-Haus, deren Besucher_innen und Mitarbeiter_innen, auf Parteibüros und auf eine Familie in der Hufeisensiedlung.
Eindeutig werden diese Attacken von organisierten Neonazis begangen.
Gleichzeitig gibt es im Bezirk sehr aktive Bündnisse gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Deren Aktivist_innen lassen sich nicht einschüchtern, sondern wehren sich konsequent und solidarisch gegen die Angriffe und Bedrohungen”, so Sabine Seyb von ReachOut.

Im Umfeld von Geflüchtetenunterkünften geschehen stadtweit 41 Angriffe. Sie bleiben damit auf einem hohen Niveau. So werden die Bewohner_innen der immer gleichen Unterkünfte Opfer von Anschlägen, Gewalttaten und Bedrohungen. Dies gilt für die Unterkunft am Glambecker Ring in Marzahn.

Zum Beispiel:
Am 23.3. werden gegen 12.50 Uhr zwei Geflüchtete vor ihrer Unterkunft am Blumberger Damm Ecke Glambecker Ring von einem unbekannten Mann aus rassistischer Motivation mit einer Schusswaffe bedroht. Das alarmierte Wachschutzpersonal ruft die Polizei. Noch bevor die Polizei eintrifft, wird ein 26-jähriger Geflüchteter ebenfalls bedroht. Der unbekannte Mann flieht.

Am 26.1. werden Geflüchtete und Geflüchtetenunterkünfte, unter anderem die Unterkunft am Glambecker Ring, aus einem Kleinbus heraus angegriffen und mit Gegenständen beworfen.
Bei den meisten von ReachOut dokumentierten Angriffen handelt es sich um Körperverletzungen (159) und gefährliche Körperverletzungen (134). Wobei vor allem die gefährlichen Körperverletzungen angestiegen sind.

Sabine Seyb weist darauf hin: „Ein Zeichen in die richtige Richtung wäre es, auch in Berlin eine weitreichende Bleiberechtsregelung für Betroffene rechter, rassistischer Gewalttaten einzuführen. Das würde den Täter_innen signalisieren, dass ihre Strategie der Vertreibung nicht funktionieren kann. Dann würden nicht nur zivilgesellschaftliche Aktivist_innen ihre Solidarität mit den Betroffenen zeigen, sondern auch die Berliner Regierung würde einen weiteren wichtigen Schritt gehen, um ihrer Verantwortung für die Opfer gerecht zu werden.”

Weitere Einzelheiten zu den Angriffszahlen entnehmen Sie bitte der Tabelle „Rechte, rassistische und antisemitische Angriffe in Berlin".
Tabellen, Grafiken und die Pressemitteilung als PDF befinden sich im Anhang.

Auswertung zu den Erkenntnissen der bezirklichen Register unter http://berliner-register.de/

Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Sabine Seyb

Tel.: 030-695 68 339
Mobil: 0170-4265020
www.reachoutberlin.de
sabine_seyb@reachoutberlin.de

 

 

 

Datum: 
Donnerstag, März 16, 2017
Titel: 
Pressemitteilung zu den Angriffen 2016